Österreichische Forsttagung diskutiert Lösungen für Interessenkonflikte im Wald

Jun 13, 2016 | Allgemein

Experten machen Vorschläge für funktionierendes Miteinander

Kufstein, 10. Juni 2016 – Immer häufiger prallen die Interessen der Waldbewirtschafter, Jäger, Sportler, Erholungssuchenden und Naturschützer aufeinander. Dies führt nicht selten zu heftigen Konfrontationen. Der Österreichische Forstverein zeigte gemeinsam mit der ARGE Alpenländische Forstvereine im Rahmen ihrer Forsttagung 2016, dass die Ansichten für ein funktionierendes Miteinander im Bergwald nicht immer so weit auseinanderliegen. Rund 400 Teilnehmer aus Österreich, der Schweiz, Bayern und Südtirol haben darüber mit Vertretern aus Land- und Forstwirtschaft, Sport, Politik sowie Verwaltung am 9. und 10. Juni in Kufstein intensiv diskutiert.

„Was braucht es für ein funktionierendes Miteinander im Bergwald?“ lautete die spannende Einstiegsfrage zur Podiumsdiskussion mit Gästen aus Politik, Sport, Vereinen und Verwaltung. Unter ihnen waren auch Nationalrat Karlheinz Töchterle, Mountainbike-Profi Kurt Exenberger, Alpenverein-Generalsekretär Robert Renzler, Bezirksjägermeisterin Fiona Arnold und Landesforstdirektor Josef Fuchs. Alle Teilnehmer betonten die Wichtigkeit von Verständnis und Respekt für den anderen.

Sorge der Waldbesitzer wegen Haftung

Für Forstbesitzer ist der Wald Wirtschaftsgrundlage und Arbeitsplatz. Eine klare Abgrenzung wie bei Wirtschaftsgebäuden ist aber durch das gesetzlich geregelte freie Betretungsrecht des Waldes zu Erholungszwecken schwierig. Aus Sorge wegen Haftungspflichten und dem Verlust der Selbstbestimmung greifen Waldbesitzer vermehrt auf Schranken, Absperrungen und Verbotsschilder zurück – speziell in Bereichen intensiver Erholungsnutzung. „Die Sehnsüchte der modernen Gesellschaft sind Luxusgüter wie Zeit, Aufmerksamkeit, Ruhe, Raum sowie Sicherheit, und diese lassen sich nirgendwo besser stillen als im Wald“, unterstrich der Südtiroler Tourismusexperte Harald Pechlaner, Professor der Europäischen Akademie in Bozen. Die Zahl der Erholungssuchenden, die Rückzug in der Natur suchen, steige daher immer mehr an, so Pechlaner.

Freies Betreten und Befahren des Waldes nicht überall möglich

„Das Hauptproblem liegt darin, dass es zu wenig Informationen gibt, was wo zurzeit im Wald erlaubt, geduldet oder verboten ist“, erklärte Johannes Hoffmann. Der professionelle Freerider wünscht sich mehr Aufklärungsarbeit und Angebote. Kurt Exenberger, Betreiber der ersten Mountainbikeschule Österreichs ergänzte dazu: „Keiner begibt sich in seiner Freizeit gerne in die Illegalität.“ Ein flächendeckendes Infrastrukturangebot würde vielen ungewünschten Konfrontationen vorbeugen, so der Biker.

Andere Länder, andere Sitten

Speziell in Österreich schauen viele Sportler sehnsüchtig über die Grenzen nach Bayern, Südtirol oder in die Schweiz, wo es in Bezug auf das Befahren von Forststraßen und Wegen generell kein flächendeckendes gesetzliches Verbot gibt. So regeln beispielsweise einige Kantone in der Schweiz nur die Gebiete, wo ein generelles Betreten ohne Ausnahme verboten ist. Ähnlich ist die gesetzliche Lage in Bayern und Südtirol. Auch Roland Dellagiacoma, ehemaliger Direktor der Abteilung Natur & Landschaft der Provinz Südtirol, ist überzeugt davon, dass Appell-Strategien und Sensibilisierungsmaßnahmen besser greifen als Verbote.

Rupprechter: Brauchen funktionierenden fairen Interessenausgleich

Auch die Jagd und Fischerei sowie der Naturschutz finden im Wald statt. Die Freizeitsportler oder Wanderer sind somit nicht die einzigen Interessengruppen, die sich gern im Wald aufhalten. Bundesminister Andrä Rupprechter hielt dazu fest: „Der Bergwald ist ein wichtiger Produktionsstandort, er bietet Schutz für zahlreiche Menschen wie auch Siedlungen und ist ein einzigartiger Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Er ist jedoch keine Freizeit- und Sportarena, die uneingeschränkt zu jeder Jahres- und Tageszeit genutzt werden kann. Ein verträgliches Miteinander schaffen wir nur mit einem funktionierenden fairen Interessenausgleich. Seit nunmehr 15 Jahren zeigen wir mit dem ‚Österreichischen Walddialog‘, wie solche Lösungen sehr gut funktionieren können“, so Rupprechter.

Aufklärung durch Dialog und Information

In Tirol gibt es bereits seit vielen Jahren Bestrebungen nach integrativen Lösungskonzepten im Wald. Aktuell versuchen Verantwortliche aus Forst, Jagd, Tourismus und Umwelt mit dem Projekt „Bergwelt Tirol – Miteinander erleben“ Interessengruppen durch Dialog und Information mittels Panoramatafeln, Wegweisern und eigens dafür programmierten Apps gezielt aufzuklären. Durch Schaffung und Förderung attraktiver Angebote außerhalb von definierten schützenswerten Bereichen soll eine Lenkung und Entflechtung der Erholungssuchenden erreicht werden. „Wir haben in Tirol 5.500 km freigegebene Mountainbike-Routen, kommen bald auf 250 km offizielle Singeltrails und sind auch in der Skitourenlenkung aktiv. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt, die verschiedenen Nutzungsansprüche im Bergwald zu kanalisieren und ein Miteinander auf Dauer zu gewährleisten“, sieht Forst- und Sportreferent Josef Geisler im Dialog den richtigen Weg.

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