Plädoyer für persönliche Gespräche

Artikel aus Ausgabe 4/2022

Im jetzigen Informationszeitalter scheint es so, als ob Wissen und Informationen jederzeit und überall verfügbar sind. Aber schon Johann Wolfgang von Goethe sagte: "Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden."

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Ausgabe: 4/2022
Thema: Wald & Gesellschaft
Bundesland: Österreich
Autor:in: Maximilian Handlos

Eine aktuell laufende Mitgliederbefragung des Waldverband Steiermark im Rahmen des Projekt HolzmobRegio präsentiert eine spannende Sichtweise von Waldbäuerinnen und Waldbauern. Es verwunderte doch, dass fast 83 % der Befragten das Internet für den Wissens- und Informationsgewinn nutzen und dass ein Viertel der Waldbesitzer:innen keine forstliche Ausbildung vorweisen kann. Dass sich unter den Mitgliedern des Waldverbandes fast die Hälfte als hofferner Waldbesitzer outen, war doch auch sehr überraschend.

Zeitenwende Corona

Alleine diese Zahlen zeigen, wie sehr forstliche Organisationen darauf fokussieren müssen, ihr Informations- und Beratungsangebot anzupassen. Denn unbestritten ist, dass der Klimawandel eine Veränderung der Waldbewirtschaftung erfordert. Das „Wie“ dazu muss von Waldbewirtschaftern beantwortet werden. Covid-19 veränderte das Kommunikationsverhalten der Menschheit massiv. Fehlende persönliche Begegnungen wurden durch digitale Wege unterschiedlich kompensiert. Social Media Konzerne erlebten einen ungebremsten Aufschwung. Dass die Vereinfachung der Kommunikation mittels Social Medias wie Facebook und Co für viele sicherlich Vorteile mit sich bringt, ist uns wohl allen klar. Was, wenn persönliche Begegnungen nicht möglich oder gar verboten sind? Der gegenseitige Austausch von Mensch zu Mensch ist ein essentielles Fundament für unsere psychische Gesundheit.

Nach der Entwicklung der Sprache, der Schrift, des Telefons und der Telefax-Technik hat die Digitalisierung in der Menschheitsgeschichte zu einer starken Zunahme der ausgetauschten Nachrichten geführt. All die Angebote im digitalen Informationsaustausch nutzen einen Aspekt des Menschen besonders – aufregende Neuigkeiten sind für unser Unterbewusstsein eine köstliche Nachspeise, oftmals leider auch viel interessanter und geschmacksvoller als die Person, die uns gerade gegenübersitzt. Die Sozialen Medien befriedigen diesen Hunger in Echtzeit. Sie verschaffen uns viele Wege, um der ganzen Welt selbstausgesuchte Geschichten und Bilder von uns zu vermitteln. Im Gegenzug bekommen wir dafür auch sehr tiefe Einblicke in das Leben anderer.

Auch im Unternehmensumfeld sprechen viele Vorteile für einen digitalen Informationsaustausch. Diese spannen sich von einer ortsungebundenen Teilnahme, über effizientere Abläufe hin zum Potenzial, Kosten zu senken und die Umwelt zu schonen. Auch der Waldverband Steiermark hat in den letzten Jahren viel in digitale Kommunikationswege investiert. Viele Besprechungen, Vorstandssitzungen, auch Holzstammtische werden mittlerweile online durchgeführt. Besonders mit dem Waldmontag, dem digitalen Holzstammtisch des Waldverbands Steiermark gemeinsam mit der FAST Pichl, gelang der Organisation ein digitaler Informationsaustausch, der bei vielen Mitgliedern und auch außerhalb einen sehr hohen Zuspruch erreichte und erreicht.

Notwendige Glückszutaten

Was wir allerdinge auf keinen Fall vergessen dürfen, wir sind noch immer Menschen. Mit unseren Bedürfnissen nach persönlicher Zuwendung, nach gegenseitigen Emotionen, nach gemeinsamen Gesprächen und Diskussionen – Aug in Aug gegenübersitzend. Ohne persönliche Interaktion bekommen wir keinen vollständigen Überblick darüber, was andere zu uns sagen. Michael Landers, ein Unternehmensberater und Autor, bringt es auf den Punkt: „Wenn Sie jemanden nicht sehen, steigen die Chancen der Fehlkommunikation stark an.“

Wir dürfen nicht ignorieren, dass sich laut einer Studie bei Menschen, die mindestens zwei Stunden am Tag in Social Media verbringen, die Wahrscheinlichkeit einer „wahrgenommenen sozialen Isolation“ verdoppelt. Menschen, die bei der Kommunikation vermehrt digitale Medien verwenden, werden unsozialer. Beratungsprozesse finden heute schon sehr verstärkt über digitale Kommunikation statt. Und dieser Trend wird sich sicherlich verstärken. Die traditionelle face-to-face-Beratung steht damit verstärkt vor der Herausforderung, mit diesen modernen Beratungsformen konkurrieren bzw. sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Heute informieren sich viele Menschen vorab bereits übers Internet und kommen daher mit vielen Informationen und Vorwissen zu einem Beratungsgespräch. Hier besteht die Herausforderung nach Relevanz zu selektieren und Wichtiges von Unwichtigen unterscheiden zu lernen.

Menschen erreichen

Einerseits driften die Gesellschaft und daher auch die Waldbesitzer verstärkt in das Anonyme und Unverbindliche, andererseits benötigen Organisationen wie der Waldverband Steiermark Verbindlichkeit, um auf dem Markt entsprechend auftreten zu können. Der Weg von niederschwellig, anonym und unverbindlich zu persönlich und verbindlich stellt sich oft sehr herausfordernd dar.

Die zentrale Frage hat sich aber auch im 21. Jahrhundert nicht verändert – Beratungsangebote müssen sich immer die Frage stellen, ob sie jene Menschen wirklich erreichen, die die Beratung benötigen. Es muss beratenden Organisationen und Beratern allerdings immer bewusst sein, dass die neuen Informationstechnologien in der Bevölkerung ungleich verteilt sind. Daher ist auf keinen Fall davon auszugehen, dass eine Beratung über Neue Medien und Kommunikationsformen automatisch auch den Weg zu den potenziellen „Modernisierungsverlierern“ in unserer Gesellschaft ebnet.

Wir dürfen uns nicht täuschen lassen, wir müssen in die Augen schauen können – wir müssen den Spagat schaffen und vom digitalen, niederschwelligen, anonymen Angebot zum direkten, persönlichen Kontakt mit den Menschen kommen. Das Du und Du, das in die Augenschauen, das persönliche Gespräch prägen die Stärke der ländlichen Regionen, das Besondere der Land- und Forstwirtschaft seit Generationen. Das Zusammenarbeiten, das Zusammenstehen braucht als Grundlage den persönlichen Austausch unter uns. Wir als Organisation, die tausende bäuerliche Familien vertritt, müssen unsere Verantwortung wahrnehmen und Angebote kreieren, die diesen Erfahrungsaustauch ermöglichen.

Die Erfahrungen im Projekt HolzmobRegio zeigen, dass es mit entsprechendem Know How und vorhandenen Ressourcen möglich ist, breite Informationen über digitale Wege in die forstwirtschaftliche Community hinauszubringen und parallel dazu den persönlichen Austausch durch Forstpraxisveranstaltungen und dem Angebot verfügbarer persönlicher Beratung zu fördern. Schon Konfuzius sagte: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können“. Zeigen und Tun lassen ist vor Ort vielfach einfacher, als es über den heißen Draht im www zu vermitteln.

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