In Niederösterreichs Wäldern müssten eigentlich zwischen 300 und 1.450 Meter Seehöhe in der sub- bis hochmontanen Höhenstufe von Natur aus viele Tannen stehen. Die dort vorkommenden Waldgesellschaften, der Tannen-Buchenwald und der Fichten-Tannen-Buchenwald sollten in der Regel hohe Tannenanteile aufweisen. Wenn man genauer hinschaut, sieht man in der Verjüngung leider alles andere als viel Tanne.
In Niederösterreich wird der Tannenanteil laut den Auswertungen der Österreichischen Waldinventur immer geringer, beträgt er in über 100-jährigen Flächen noch 4 bis 9 %, ist er in den beiden ersten Altersklassen bis 40 Jahre nur mehr verschwindende 0,2 bzw. 0,3 %.
Dieser Umstand fällt vielen Waldbesitzern nicht auf, weil die Tanne bereits im Keimlingsstadium verbissen wird und daher in der Naturverjüngung später nicht mehr vorhanden ist. Viele glauben oft, dass das Ausbleiben der Tanne andere Ursachen hat, wie z. B. schlechte Fruktifikation oder die Bewirtschaftungsweise, auf den Keimlingsverbiss achtet jedoch kaum jemand.
Eine Rolle Zaun an einer optimalen Stelle aufgestellt (12 x 12 Meter) könnte aber dieses Rätsel oft lösen. Dieser so genannte Kontrollzaun müsste eigentlich in jedem Betrieb vorhanden sein, um diesen Wildeinfluss noch besser darstellen zu können. Dieser gäbe dann eine gute Grundlage für Diskussionen mit Jagdpächtern und Behörden. Es ist besonders auffallend, dass gerade in Revieren, wo die Jägerschaft besonders stark in den (vor allem weiblichen) Reh- und/oder Rotwildbestand eingreift, der Tannenanteil höher ist als in anderen Gegenden.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist natürlich die Bewirtschaftung. Die Tanne als ausgesprochene Schattbaumart benötigt Schatten für ihre Verjüngung, Kahlschlagwirtschaft verhindert das natürliche Aufkommen, weil auf der Freifläche Baumarten wie Fichte und Lärche die Tanne leicht überwachsen und verdrängen können. Naturnahe Verjüngungsmethoden, die kleinflächig arbeiten, würden das Ankommen der Tanne unterstützen.
Die wirtschaftlichen Verluste dieses heimlichen „Tannensterbens“ können schwer beziffert werden, weil die Größenordnung unbekannt ist und der Faktor Stabilität im Wald schwer berechenbar ist. Tatsache ist aber, dass die Tanne in der Mischung mit Fichte und Buche eine wesentliche Rolle bei der Stabilität spielt, da sie am tiefsten wurzelt. Neben diesem tiefgehenden Wurzelsystem hat sie eine sehr gut abbaubare Streu und sie kann dadurch das Nährstoffangebot für flachwurzelnde Baumarten wie der Fichte deutlich verbessern. Nebenbei gesagt ist die Tanne die Baumart mit den höchst möglichen Zuwächsen unter den heimischen Baumarten, Baumhöhen über 40 Meter sind keine Seltenheit. Die Kritik an der Holzqualität und der bekannte Tannenabschlag ist nur eine Folge von mangelnder Sortierung bzw. meist zu geringem Tannenholzanfall bei einer Nutzung. Hierbei könnten die Waldwirtschaftsgemeinschaften eine wichtige Rolle beim Zusammenführen dieses Sortiments zu größeren Holzmengen übernehmen.
Leider sind die einzigen Gegenmaßnahmen um die Tanne im Bestand zu vermehren ein angepasster Waldbau und danach ein konsequenter Verbissschutz über mehrere Jahre bzw. die Zäunung, beides natürlich durch Unterstützung des Jagdausübungsberechtigten. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass die Baumart Weißtanne im niederösterreichischen Wald erhalten bleibt.



