Kaisertal, ein Jagd- oder Touristenparadies?

Artikel aus Ausgabe 3/2020

Das Kaisertal nahe der Stadt Kufstein ist ein ganz besonderes Tal. Obwohl dort ca. 30 Personen ihren ständigen Wohnsitz haben, war es bis 2008 mit dem Auto nicht erreichbar. Noch heute ist die Nutzung des Autos in diesem Tal sehr streng reglementiert. Gleichzeitig ist es eines der wichtigsten Tourismusgebiete und wurde 2016, im Rahmen der ORF Serie „9 Plätze, 9 Schätze“ zum schönsten Ort Österreichs gewählt.

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Ausgabe: 3/2020
Thema: Wald & Gesellschaft, Wald & Wild
Bundesland: Tirol
Autor:in: Stefan Fellinger

Gibt es ein gedeihliches Miteinander von Jagd und Tourismus dort? Ja, aber… eigentlich derzeit nein! Seit mehr als sieben Jahrzehnten hat eine namhafte Unternehmer Familie das 2.800 ha große Gebiet gepachtet. Es liegt auf einer Seehöhe von 800 bis 2.340 m und besteht aus 1.600 ha Wald und vier Almen, die insgesamt 200 ha umfassen. Der Rest sind Fels und Geröllhalden.

Eines der schönsten Jagdgebiete Tirols

Für die Jagdausübung stehen ein Jagdhaus und fünf Jagdhütten zur Verfügung. Die Betreuung der Jagd erfolgt durch einen Berufsjäger. Die bedeutungsvollste Wildart ist das Gamswild, aber auch auf das Rehwild wird großer Wert gelegt. Rotwild kommt, so wie alle vier Raufußhuhnarten, vereinzelt vor. Bis in die 70er Jahre wurden die Auerhähne noch bejagt; alle drei Jahre wäre der Abschuss eines Birkhahnes frei, der aber schon lange nicht mehr getätigt wurde. Als andere Wildarten gibt es noch Schnee- und Feldhasen, sowie das übliche Raubwild. Seit Jahren leben dort auch zwei Murmeltiere. Sie sind der Rest eines früheren Aussetzungsversuches. Als Besonderheit konnte einmal ein Waschbär auf einer Wildkamera dokumentiert werden, gesehen wurde er aber nie.

Gefüttert wird bei sieben Rotwild sicher gezäunten Rehwildfütterungen. Vor allem mit hochwertigem Heu und etwas Kraftfutter (Pellets). Das Kaisertal ist ein bedeutendes Gamswild-Überwinterungsgebiet für die ganze Region.

Gejagt wird maßvoll. Zwei bis 19 Gämsen und sechs bis 19 Rehe sowie zwei bis vier Stück Rotwild kamen im Durchschnitt der letzten fünf Jahre jährlich zur Strecke. Dazu kommen noch zwei bis 29 Gämse und bis 18 Rehe jährlich als Fallwild. Eine besondere Rolle beim Rehfallwild spielen auch Hunderisse. Die letzten drei offiziellen Gamszählungen ergaben 2011: 269 Stück, 2013: 217 Stück und 2017: 130 Stück. Die Jagd wird nur im engsten Freundes- und Familienkreis betrieben. Reife Stücke und eine spannende Jagd stehen dabei im Vordergrund. Den Trophäen kommt nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

Wie bereits erwähnt hat der Tourismus einen besonderen Stellenwert. Drei Gasthöfe, ein Berggasthof und drei Schutzhütten mit ca. 500 Betten versorgen die Gäste. Die Auslastung ist sehr gut; Vorbuchungen sind in der Regel erforderlich, um überhaupt einen Nächtigungsplatz zu bekommen. Neben Wandern werden alle üblichen und unüblichen Sportarten praktiziert. Im ganzen Tal gäbe es ein Radfahrverbot, dieses wird aber nur sehr bedingt eingehalten. Touristen sind das ganze Jahr hindurch unterwegs.

Gamswild in Not oder bald tot?

Die “Welt” war Jahrzehnte lang in Ordnung. Es gab keinerlei Wildschäden. Die Pächter genossen die Jagd, waren bereit viel für die Erhaltung der Gebäude, Wege und die örtliche Bevölkerung zu tun. An den Tourismus hat man sich gewöhnt, es herrschte ein harmonisches Miteinander. Problematisch war nur, dass der Gamsbestand ständig zurück ging und auch vermehrt Fallwild gefunden wurde, das zwar geschwächt aber nicht offensichtlich krank (Gamsräude, Gamsblindheit etc.) war. Dazu kam noch ein junger motivierter Förster, der das Gebiet großräumig als schwer von Wildschäden geprägt mit besonderem Handlungsbedarf einstufte.

Also war Feuer am Dach. Die Meinung war klar: die Wald – Wild – Welt ist in Ordnung, da ist eben ein „Neuer Besen, der gut kehrt“ und das braucht man sich nicht gefallen zu lassen. Aber der Pächter ist ein weiser vorsichtiger Mann und er weiß: bevor man schießt muss man gut ansprechen. Also wurde ein Sachverständiger bestellt, der neutral die Sachlage beurteilen sollte. Und jetzt kam die Überraschung: es gibt sehr wohl seit Jahrzehnten örtlich ökologisch bedenklichen Verbiss, der das Aufkommen einer standortsangepassten Verjüngung verhindert. Was war geschehen? Der Tourismus wurde immer mehr und perverser: Mondschein klettern, Trialrun, Extrem-Mountainbiken auf schmalen Pfaden oder Querfeldein, Tourenschifahren in steilen Rinnen, etc. Paragleiten und Querfeldein-Schneeschuhwandern zu jeder Tages- und Nachtzeit sind auch im Hinblick auf das Wild besonders umweltschädlich. Zusätzlich gab es bedeutende technische Errungenschaften wie E-Bikes, die auch nicht so fitten Leuten einen großen Aktionsradius ermöglichen und LED-Lampen, welche die Nacht zum Tag machen. Auch hat sich die Einstellung vieler Menschen geändert. Waren früher überwiegend leise andächtige Naturbewunderer unterwegs, so werden jetzt rücksichtslose Outdoor Sportler immer mehr, die glauben ihnen gehört die Welt. Was war die Folge? Das Gamswild wich in den Wald aus und überwinterte so recht und schlecht im Lebensraum der Rehe. Der Wald ist aber darauf nicht eingestellt.

Das Problem hat sich weiter etwas verschärft, weil auch forstliche Maßnahmen, wie Nutzungen bis zur Felsregion mit anschließender Aufforstung, unter anderem mit Tannen und Lärchen, in den geschlossenen Wald geschlagen wurden. Verstärkend kamen als Folge noch Windwürfe dazu. Wenn sich der Wald von Natur aus mit mehr als 100.000 Bäume pro ha verjüngen würde, sind natürlich 3.000 gesetzte Jungbäume pro Hektar wesentlich Verbissschadens anfälliger, noch dazu, wenn sie den Schutz eines Altholzschirmes bräuchten. Außerdem werden die Gämsen nachweislich durch die Kahlschläge in den Wald gezogen.

In der Regel ist die Nutzung von Almen günstig für das Schalenwild. Bevor das Weidevieh aufgetrieben wird und wenn es zeitig wieder abgetrieben wird, findet Hirsch, Gams und Reh hervorragende Äsung vor. Wird die Almwirtschaft zu intensiv betrieben, das Weidevieh aufgetrieben bevor es ausreichend Äsung gibt, sehr spät abgetrieben und dann noch die Almflächen mit Gülle massiv gedüngt, ist dieser positive Effekt weg.

Gibt es eine Lösung?

Ja, eigentlich gibt es zwei Lösungen. Eine einfache falsche: man schießt das Wild, vor allem die Gämsen tot. Der Jagdpächter wird da nicht mitspielen. Er bezahlt sehr viel Geld dafür, dass er naturnah jagen, maßvoll alte Stücke erlegen und Wild beobachten kann. Töten von Schädlingen mit hohem Abschussdruck seitens der Behörden ist was anderes. Da wird Jagd zum Aufwand, zur Kostenstelle, zum Service für den Forst.

Eine herausfordernde richtige: Man legt Winterruhezonen für das Wild fest. Dort muss Betretungsverbot für alle Menschen und Willkommensgebot für alle Wildtiere herrschen. Aber jetzt wird es schwierig: es braucht nämlich die Rücksichtnahme aller. Die Outdoor Sportler können dort keinesfalls hinein, die Wanderer müssen sich an Wege halten, die Forstwirtschaft kann in diesen keine Forststraßen bauen sowie übliche forstliche Nutzungen machen und gejagt werden darf auch nicht.

Echte Jäger werden sich damit gut zurechtfinden, schließlich sind sie Anwälte des Wildes. Die meisten Touristen und Naturschützer werden sich darüber freuen, denn ihnen ist eine intakte Natur sehr wichtig und Wildbeobachtungen sind „Highlights“ des Naturerlebens. Den Stadtwerken Kufstein als forstlich Verantwortliche, müsste diese Vorgangsweise eigentlich auch recht sein, denn echte Forstwirtschaft sollte in diesem europaweit bekannten Naturschutzgebiet ohnehin nicht betrieben werden, noch dazu wo das Kaisertal als Quellschutzgebiet für die Stadt Kufstein von größter Bedeutung ist.

Aber es wird ein mühsamer Weg dorthin. Gewohntes aufzugeben, vor der eigenen Haustüre zu kehren und sich einzuschränken ist viel schwieriger als anderen die Schuld zu geben und hemmungslos allen Neigungen nachzugehen.

Man darf gespannt sein, ob auch im Kaisertal bald „bayrische“ Verhältnisse herrschen, wo man vielerorts als Tourist kaum mehr eine Gams zu sehen bekommt oder ob für ganz Tirol vorbildhaft neue Wege beschritten werden.

Wildruhezonen mit Betretungsverboten könnten die Wildschadensproblematik entschärfen.

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