Wiederherstellungsverordnung: Gut gemeint – aber am Wald vorbei gedacht

Artikel aus Ausgabe 3/2026

Die EU-Wiederherstellungsverordnung verfolgt ein wichtiges Ziel: den Schutz und die Stärkung wertvoller Lebensräume. Doch gerade im Wald braucht es dafür keine starren Vorgaben, sondern flexible Lösungen. Denn angesichts des Klimawandels können Wälder nur dann ihre vielfältigen Funktionen erfüllen, wenn ihre Entwicklung aktiv begleitet und an neue Rahmenbedingungen angepasst wird.

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Ausgabe: 3/2026
Thema: Wald & EU
Bundesland: Salzburg
Autor:in: DI Gregor Grill

Ein Blick auf die Ausgangslage zeigt: Österreichs Wälder sind insgesamt in einem guten Zustand – trotz der massiven Belastungen durch den Klimawandel. Viele ökologische Kennzahlen sind stabil, einige verbessern sich sogar kontinuierlich. Das heißt aber nicht, dass es keine Probleme gibt. Es gibt sie, vor allem seltene und kleinflächige Waldtypen stehen unter Druck. Auwälder etwa brauchen kontinuierliche Wasserführung und andere Standorte geraten durch den Klimawandel an ihre Grenzen. Genau hier braucht es Lösungen. Was es hingegen nicht braucht, sind pauschale Antworten für differenzierte Probleme. Gleichzeitig verändert sich nicht nur der Wald, sondern auch die Gesellschaft rund um ihn. Die Ansprüche steigen ständig: Erholungsraum, Klimaretter, Rohstofflieferant, Energieträger – alles gleichzeitig. Unterdessen gehen in vielen Regionen Wissen, Arbeitskräfte und aktive Bewirtschaftung zurück. Diese Entwicklung wird oft ausgeblendet, ist aber entscheidend.

Vor diesem Hintergrund wirkt ein zentraler Ansatz der Wiederherstellungsverordnung schlicht realitätsfern: Sie geht davon aus, dass bestehende Zustände erhalten oder wiederhergestellt werden können – als ließe sich Natur konservieren. Dieses Denken kommt nicht von ungefähr. Schon die übergeordneten Strategien, allen voran die europäische Biodiversitätsstrategie, haben gezeigt, wie schwierig es ist, ambitionierte Ziele, ohne ausreichende regionale Akzeptanz umzusetzen. Viele dieser Ziele wurden nicht erreicht – nicht, weil der Wille gefehlt hätte, sondern weil die Maßnahmen zu wenig auf die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort abgestimmt waren. Die Reaktion darauf scheint dann zu sein, die gleichen Ziele in eine strengere, verbindliche Verordnung zu gießen, anstatt aus diesen Erfahrungen zu lernen und mehr Flexibilität und Zusammenarbeit mit den Betroffenen zuzulassen.

Klimawandel ist Faktor Nr. 1

Doch die Realität im Wald lässt sich nicht verordnen. Natur bleibt nicht gleich. Wälder sind in permanentem Wandel – und dieser Wandel hat sich massiv beschleunigt. Klimawandel, Extremereignisse und sich verschiebende Standortbedingungen verändern unsere Wälder tiefgreifend. Wer glaubt, man könne Zustände „einfrieren“, ignoriert die Realität. Das ist nicht nur naiv, sondern gefährlich. Wer krampfhaft am Alten festhält, verliert am Ende alles. Die Praxis liefert die Beispiele längst: Fichtenbestände in tieferen, trockenen Lagen kommen mehr unter Druck – nicht wegen falscher Bewirtschaftung, sondern weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Hitze, Trockenheit und Borkenkäfer zeigen klar, dass sich das System verschoben hat. Das gilt aktuell bereits, und in Zukunft noch viel mehr, auch für Buchen- und Eichenbestände.

Dasselbe gilt für andere geschützte Lebensräume und Arten, die stark an einzelne Baumarten gebunden sind. Wenn diese Baumarten unter den neuen Klima-bedingungen nicht mehr funktionieren, hilft kein Schutzstatus – nur Anpassung. Die Konsequenz ist eindeutig: Wer Lebensräume wirklich erhalten will, muss Veränderung zulassen. Klimafitter Waldumbau ist kein Gegensatz zum Naturschutz, sondern seine Voraussetzung. Die Forstwirtschaft zeigt, dass Lösungen gesucht und gefunden werden, wie die dynamische Waldtypisierung. Sie ermöglicht ausgehend von Bodenuntersuchungen profunde Erkenntnisse, welche Baumarten für die Zukunft geeignet sind und welche nicht. Gleichzeitig wird oft vergessen, worum es im Wald insgesamt geht: um seine Wirkungen. Schutz vor Lawinen, Steinschlag und Muren, Wasserspeicherung, Kühlung und CO₂-Bindung – all das hängt von stabilen, angepassten Beständen ab. Ein Wald, der sich nicht weiterentwickelt, verliert genau diese so wichtigen Funktionen. Es geht nicht um Einzelaspekte, sondern um das Gesamtgefüge Wald, und dieses funktioniert nur, wenn es aktiv gestaltet wird.

Praxis weiß, was möglich ist

Ein Kernproblem liegt im Umgang mit der Praxis. Während Waldbesitzer Verantwortung tragen, wächst gleichzeitig das Misstrauen in Form immer neuer Vorschriften. Mehr Regeln, mehr Kontrolle, weniger Vertrauen – das ist kein tragfähiger Weg. Dabei gibt es längst ein funktionierendes System: das österreichische Forstgesetz. Es ist ein Eigentümergesetz. Es verbindet seit Jahrzehnten Nutzung, Schutz und Nachhaltigkeit und hält damit die Balance zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Anforderungen. Genau dieses Gleichgewicht ist entscheidend. Fällt eine dieser drei Säulen weg, gerät das gesamte System ins Wanken. Ein rein ökologischer Zugang, der wirtschaftliche und soziale Realitäten ausblendet, kann auf Dauer nicht funktionieren. Natürlich auch umgekehrt, denn das wäre Ausbeutung.

Umso schwerer verständlich ist es, warum mit der Wiederherstellungsverordnung ein zusätzlicher Rahmen geschaffen wird, der stärker auf Detailvorgaben setzt und weniger Spielraum für die Praxis lässt. Anstatt auf bewährten Strukturen aufzubauen, wird ein System darübergelegt, das oft starrer und komplexer ist. Besonders problematisch ist dabei die unterschwellige Annahme, dass sich Natur am besten ohne Nutzung entwickelt. In einer Kulturlandschaft wie unserer ist das falsch. Ohne Pflege entstehen nicht automatisch stabile Lebensräume, sondern oft das Gegenteil: instabile, anfällige Bestände – kurz gesagt, Verwahrlosung. Das „Haus Kulturlandschaft“ erhält sich nicht von selbst. Wer es sich selbst überlässt, schaut zu, wie es langsam verfällt.
Auch aus philosophischer Sicht ist dieser Zugang fragwürdig. Konrad Paul Liessmann hat darauf hingewiesen, dass viele Naturbilder romantisiert sind. Die Idee einer ursprünglichen, vom Menschen unberührten Natur ist in Mitteleuropa kaum vorstellbar. Unsere Landschaften sind gestaltet – und sie müssen es auch bleiben.

Diese Gesetzgebung stößt an ihre Grenzen

Deshalb muss man es klar sagen: Diese Art von Gesetzgebung stößt an ihre Grenzen. Sie will etwas bewahren, das sich zwangsläufig verändert. Was es stattdessen braucht, sind klare Ziele, aber keine starren Vorgaben. Verantwortung statt Kontrolle und vor allem Vertrauen in jene, die täglich im Wald arbeiten. Die Herausforderungen sind groß – ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Sie lassen sich nur lösen, wenn alle drei Bereiche im Gleichgewicht bleiben. Die Zukunft unserer Wälder entscheidet sich nicht auf dem Papier, sondern im Bestand. Und dort gilt: Wer erhalten will, muss gestalten.

Auf ehemaligen Schadholzflächen der Fichte sollte eine Baumartenwahl ausgerichtet an den zukünftigen Bedingungen erfolgen. Wie an diesem Standort sichtbar, kommt nach Pioniergehölzen wie der Birke wieder Fichte in der Naturverjüngung auf, weil das Samendepot im Boden aktiviert wird. Dies führt vielfach erneut zu Reinbeständen, die dann sehr wahrscheinlich wieder zusammenbrechen. Andererseits muss die zukünftige Mischung auch aus Nadelhölzern bestehen, damit die Wirtschaftlichkeit gewahrt bleibt.

Waldumbau im Klimawandel braucht natürlich auch entsprechendes Wildmanagement. Gerade bei großflächigen Kalamitäten entstehen nach der Wiederbewaldung im Dickungsstadium große Einstandsflächen, die aufgrund ihrer Dichtheit schlecht bejagt werden können. Schussschneisen, Freibereiche und entsprechende Jagdstrategien sind notwendig, um insbesondere selektiven Verbiss und andere Schäden hintanzuhalten.

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