Die Fichte treibt und der Buchdrucker fliegt!

Artikel aus Ausgabe 2/2021

Weltweit sind Waldökosysteme klimawandelbedingten Veränderungen unterworfen. Zahlreiche Organismen werden darauf reagieren. Auch der Mensch hat seine Möglichkeiten, wie erste Pilotstudien aus Kärnten zeigen.

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Ausgabe: 2/2021
Thema: Borkenkäfer, Forstschutz
Bundesland: Kärnten
Autor:in: Stephanie Wohlfahrt

Die Beziehungen einzelner Arten zueinander, wie zum Beispiel die von Fichte und Buchdrucker, wird sich über Anpassungsprozesse neu aufeinander einstellen. Bäume können einerseits durch längere Vegetationszeiten vom Klimawandel profitieren, andererseits durch die Zunahme extremer Witterungsereignisse, wie Trockenperioden, Starkregen oder Stürme, geschwächt werden. Ein in seiner Vitalität geschwächter Baum ist auch anfälliger für Schadorganismen.

Die von Jahr zu Jahr zunehmenden, durch Borkenkäfer verursachten Schadholzmengen in Österreich verdeutlichen, wie wichtig ein rasches und gezieltes Handeln der Waldbesitzer bei einem Käferbefall ist. Ziel dabei muss es sein, den Wald sowohl durch aktives Käfermanagement als auch durch klima- und standortsangepasste Baumartenwahl gesund und widerstandsfähig zu erhalten.

Generationenfrage

Der Buchdrucker, als Hauptvertreter der Borkenkäferfamilie, überwintert als erwachsener Käfer im Boden oder unter der Rinde seines Wirtsbaumes. Je nach Witterungsverlauf im Frühjahr startet er seine Aktivität beim Erreichen einer bestimmten Temperatursumme. Der richtige Zeitpunkt des ersten Käferschwärmens ist für den Waldbesitzer oft schwer und sehr zeitaufwendig zu erfassen. In Folge der klimawandelbedingten Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur kann der Käfer früher mit dem Schwärmen beginnen und schneller seine Entwicklung abschließen. So kann er, nicht wie früher je nach Höhenlage nur eine oder zwei Generationen in einem Jahr erzeugen, sondern mittlerweile in Tieflagen sogar drei! Dementsprechend wichtig ist es, den ersten Befall im Frühjahr zu erkennen und befallene Bäume umgehend zu entfernen oder zu entrinden.

Schwärmerei

Ein Projekt im Gemeindegebiet Eberstein befasst sich nun bereits das zweite Jahr mit dieser Thematik und versucht einen Lösungsansatz für das leichte und rechtzeitige Erkennen des Frühjahrsschwärmens vom Buchdrucker zu liefern. Mit Unterstützung von Land Kärnten und der Europäischen Union beauftragte die Gemeinde Eberstein das Büro für Wildökologie und Forstwirtschaft damit, die vielversprechenden Ergebnisse des Pilotprojektes der Gutsverwaltung Eberstein „Phänologisches Frühwarnsystem Borkenkäferflug“ aus dem Vorjahr zu bestätigen.

Phänologie

Dabei wurde der Frage nachgegangen, ob anhand der Pflanzenentwicklung in der Region der Käferflug frühzeitig vorhergesagt werden kann. Die Phänologie, also die Lehre vom Einfluss der Witterung und des Klimas auf die jahreszeitliche Entwicklung der Pflanzen und Tiere, kann ein wertvoller Helfer im Umgang mit dem Klimawandel sein. Käfer und Pflanzen sind denselben Klimaeinflüssen, wie Niederschlag und Temperatur, ausgesetzt und müssen darauf in jeder Saison neu reagieren, um sich an veränderte Bedingungen anzupassen. Dies ist der Grund, warum angenommen wird, dass es bestimmte Pflanzenarten gibt, die ähnlich wie der Buchdrucker reagieren und zum Beispiel dieselben Temperatursummen erreichen müssen, um eine Entwicklungsstufe zu erreichen.

Zeigerarten

Für diese Untersuchung wurden an zehn Standorten, verteilt über alle Höhenstufen zwischen 600 und 1.200 Metern Seehöhe, insgesamt 145 Fichten in ihren Wachstumsphasen beobachtet, während zeitgleich die Buchdrucker-Aktivität auf denselben Standorten mit Hilfe von Pheromonfallen überwacht wurde. Zusätzlich wurden an acht Rosskastanien in und um Eberstein die Phasen des Blattaustriebes, der -entfaltung und des Blühbeginns registriert. An den Standorten im Gebiet mit kalkhaltigem Untergrund war auch das Leberblümchen Teil der durchgeführten Untersuchung. Diese drei Arten hatten sich unter insgesamt 75 beobachteten Pflanzenarten als potenzielle Zeigerarten im ersten Jahr der Untersuchung herauskristallisiert und wurden nun im Detail untersucht.

Es zeigte sich, dass der Wirtsbaum, die Fichte selbst, mit dem Zeitpunkt des „In Saft Gehens“ den Schwärmbeginn des Buchdruckers anzeigte. Jungwuchsfichten begannen mit der Entwicklung des Maitriebes, während ältere Exemplare zeitgleich zu blühen begannen. Dieses allererste Austreiben der Fichte erfolgte mit weniger als einem Tag Unterschied zum Ausflug des Buchdruckers. Das bedeutet, sobald im eigenen Wald die ersten Fichten beim Austreiben beobachtet werden können, muss davon ausgegangen werden, dass auch der Käfer aktiv ist. Mit zunehmender Seehöhe verschiebt sich der Beginn des Fichten-Austriebes zusammen mit dem Beginn des Käferflugs nach hinten. Spätestens drei Tage nach dem ersten Schwärmtag begann bei rund der Hälfte aller Fichten der Austrieb.

Eine weitere Hilfestellung zur leichten Erkennung des ersten Schwärmtages waren die Rosskastanien entlang der Talsohle. Der Großteil der beobachteten Bäume entfaltete seine Blätter zum ersten Mal genau am Tag des ersten Buchdruckerschwärmens. Diese Blattentfaltung ist der Zeitpunkt, an dem ein Blatt als solches mit allen Blatteilen erkennbar ist, aber die endgültige Größe noch nicht erreicht hat. Grün wurden die Knospen im Mittel bereits drei Wochen vor dem Schwärmtag. Auch das ist eine gute Erinnerung, das eventuell noch im Wald gelagerte Fichtenholz schleunigst zu entrinden oder zu entfernen, bevor die darin überwinterten Käfer ausfliegen können!
Das Leberblümchen, als Bewohner kalkhaltiger basischer Böden, konnte nur an drei Standorten beobachtet werden, daher gilt das Ergebnis lediglich als anekdotisch und muss noch weiter geprüft werden. Jeder kennt die Zeit, in der das Leberblümchen richtige Blütenteppiche am Waldboden bildet. Sobald dieser Teppich verschwindet, startete der Buchdrucker seine Aktivität im Gebiet.

Temperatursummen

Süd-Exposition der Hänge hatte einen signifikanten Einfluss auf den Beginn des Austriebs. Dieser fand um acht bis zehn Tage früher statt als an anders exponierten Standorten. Ein entscheidender Faktor ist in diesem Zusammenhang die Temperatur. An Standorten mit zunehmender Summe der Tagesdurchschnittstemperatur sowie der Tagesmaximaltemperatur ließ sich ein früherer Beginn, sowohl des Schwärmfluges als auch des Fichten-Austriebs feststellen. Diesen Umstand macht sich unter anderem auch das von der Universität für Bodenkultur entwickelte Programm „PHENIPS“ zunutze.

Natürliche Helfer

Alle drei Zeigerarten können dabei helfen, den Zeitpunkt des ersten Schwärmfluges des Buchdruckers auf wenige Tage Unterschied genau zu bestimmen. Der erste Schwärmtag ist der Startpunkt für eine ansteigende Käferaktivität im Gebiet. In den Tagen nach dem Schwärmbeginn bohrt sich der Käfer in neue Wirtsbäume ein. Frisch befallene Bäume können anhand von Bohrmehl an Rinde und Stammbasis am leichtesten erkannt und daraufhin aus dem Bestand entfernt werden. Durch ein rascheres und rechtzeitiges Reagieren im Frühjahr kann der Erstbefall abgemildert und so die Belastung des Bestandes für die restliche Saison vermindert werden.
Nähere Informationen zum Projekt sowie den Endbericht erhalten Sie bei Frau Mag. Stephanie Wohlfahrt, Büro für Wildökologie und Forstwirtschaft.

Wenn die Fichte „in den Saft geht“, beginnt der Buchdrucker zu schwärmen.

Auch die Blattentfaltung der Rosskastanie weist auf den ersten Käferflug hin.

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