Gemeinsam klimafit: Wald und Wasser

Artikel aus Ausgabe 3/2026

Zunehmende Starkregenereignisse bei gleichzeitigem Wassermangel zeigen auch in Österreich, wie wichtig intakte Wälder, Böden und Gerinne sind, denn Wasser fließt vielerorts zu schnell ab. Lokale Waldbewirtschaftung ist dabei maßgebend. Sie schafft Rückhalt, dämpft Abflussspitzen und mindert Naturgefahren.

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Ausgabe: 3/2026
Thema: Forschung, Klimafitter Wald, Wald & Wissenschaft
Bundesland: Österreich
Autor:in: Gabriel Spreitzer

Forst- und Wasserwirtschaft begegnen sich dort, wo Niederschlag auf Bestand, Boden, Wege und kleine Gerinne trifft. An diesen Schnittstellen entscheidet sich, ob Wasser im Einzugsgebiet gebremst und dem Boden zugeführt wird – oder ob es sich sammelt, beschleunigt und mit Geschiebe und Schwemmholz zu einer potenziellen Naturgefahr wird. Integrales Einzugsgebietsmanagement setzt deshalb nicht erst am Bachbett an, sondern an den ersten Abflusswegen im Gelände. So wird die Grundwasserneubildung gefördert und die Widerstandsfähigkeit heimischer Wälder gegenüber künftigen Extremereignissen gestärkt.

Gefahr entsteht am Berg

Hochwasser, Murgänge und Überflutungen werden meist dort wahrgenommen, wo sie Schäden verursachen: Im Tal an Straßen, Brücken, Kraftwerken, in Siedlungsgebieten oder auf landwirtschaftlichen Flächen. Der Ursprung liegt jedoch häufig weit oberhalb im Einzugsgebiet. Kleine Gräben, Rückegassen, Forststraßen oder Hangbereiche mit reduzierter Versickerung können bei Starkregen den Beginn einer kritischen Prozesskette darstellen. Entscheidend ist die erste Reaktion des Einzugsgebietes. Bleibt Wasser flächig verteilt und wird durch Rauigkeit gebremst, resultiert ein gedämpfter Abfluss. Wird es dagegen gebündelt, verändert sich die Dynamik. Die Fließgeschwindigkeit kann sich von wenigen Millimetern pro Sekunde am Waldboden auf mehrere Meter pro Sekunde in Spitzgräben oder Durchlässen erhöhen. Mit zunehmender Abflusskonzentration steigen Schubspannung, Erosionsleistung und Transportkapazität – und damit die Fähigkeit, Geschiebe und Holz zu mobilisieren. Naturgefahr ist kein reines Bachbett-Problem, sondern entsteht aus der Verbindung von Bestand, Hang, Weg und Gerinne.

Fokus auf Hotspots

Nicht jede Waldfläche trägt gleich stark zum Risiko bei. Meist entscheiden wenige Stellen darüber, ob Starkregen beherrschbar bleibt. Solche Hotspots sind Rückegassen in Falllinie, lange Spitzgräben, Durchlässe oder Holzlager in Tiefenlinien. Forstwege können Wasser sammeln, leiten oder verteilen und werden damit zu wasserwirtschaftlich relevanten Strukturen im Einzugsgebiet. Hier liegt auch ein wesentlicher Ansatz für die Praxis. So verweist zum Beispiel der Leitfaden zur schadlosen Entwässerung von Forst- und Almwegen darauf, dass Wege nicht nur Erschließungselemente sind, sondern aktiv in den Oberflächenabfluss eingreifen.
Entscheidend ist dabei die hydrologische Konnektivität: Führt ein Hangabfluss direkt in einen Weggraben und weiter in ein Gerinne? Für die Praxis heißt das: Nicht willkürlich eingreifen, sondern an entscheidenden Punkten handeln. Zusätzliche Querentwässerungen, rau gestaltete Ausläufe, versickerungsfähige Mulden und entschärfte Gräben entfalten schon im Mikromaßstab große Wirkung. Die wirksamste Maßnahme ist nicht automatisch die größte, sondern die am besten platzierte.

Sensorisierte Stämme messen die Schwemmholzdynamik an der Metnitz.

Dynamik von Feststoffen

Schäden entstehen oft durch das Zusammenspiel von Abfluss, Geschiebe, Schwemmholz und Engstellen. Ein Durchlass versagt selten nur durch Wassermengen, sondern durch Stämme, Äste, Sedimente oder Zivilisationsmüll, die den Querschnitt blockieren. Dann folgen Verklausung, Aufstau und eine gefährliche Eigendynamik.
Die Feststoffdynamik muss in der Gefahrenbeurteilung stets mitgedacht werden, wobei die räumliche Einordnung entscheidend ist. Auf Kahlflächen ist Schlagabraum sehr wertvoll: Er dämpft die Tropfenergie, erhöht die Oberflächenrauigkeit, mindert Erosion und dient als Humuslieferant sowie Lebensraum. In Gewässernähe ändert sich die Bewertung, weil loses Holz mobilisiert werden und Verklausungen auslösen kann. Obwohl Holz auch im Gewässer ökologisch wertvoll ist, braucht es im Abflusssystem eine gezielte Beurteilung.
Moderne Methoden ermöglichen, diese Prozesse nicht nur zu beschreiben, sondern quantitativ zu bewerten. Photogrammetrische Verfahren erfassen Verklausungen, Gerinnestrukturen und Massenbewegungen dreidimensional und machen Volumen, Porosität und räumliche Anordnung messbar. Sensorisierte Stämme erfassen Bewegung, Rotation und Anprallkräfte von Schwemmholz quantitativ und liefern damit belastbare Datengrundlagen für Bemessung, Ausführung und Monitoring.

Rückhalt schafft Zukunft

Die Zukunft der Schutzwasserwirtschaft und des Grundwasserhaushalts entscheidet sich an vielen kleinen Punkten im Einzugsgebiet – im Mikromaßstab. Wer Wasser am Berg hält, fördert Grundwasserneubildung, stabilisiert Böden, verbessert die Widerstandsfähigkeit des Waldes und reduziert die Wahrscheinlichkeit extremer Prozessketten – oft mit hoher Wirkung bei vergleichsweise geringem Eingriff.
Dafür braucht es integrales Einzugsgebietsmanagement. Entscheidend ist, Ereignisse, Gelände, Abflusswege und Feststoffe gemeinsam zu lesen – und daraus gezielte Maßnahmen für Rückhalt, Versickerung und sichere Ableitung abzuleiten. Dieser Ansatz fügt sich nahtlos in europäische Wiederherstellungsziele (EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur) ein. Landschaften sollen wieder mehr Wasser speichern, versickern und verzögert abgeben können. Feuchtgebiete, strukturreiche Waldböden und naturnahe Gerinne wirken wie Puffer: Sie erhöhen die Infiltration bei Starkregen und stabilisieren den Wasserhaushalt in Trockenphasen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Natur und Schutz zusammenpassen, sondern wo Wasserrückhalt, Wiederherstellung und Gefahrenprävention gemeinsam die größte Wirkung erzielen.

Gezielte Waldbewirtschaftung bremst Abfluss und stärkt Rückhalt.

Über den Autor

DI Gabriel Spreitzer, PhD
Ingenieurbüro Spreitzer
Kulturtechnik und Wasserwirtschaft
Wohnort: Bergbauernhof in Metnitz
Ausbildung: Bauingenieurwesen,
TU Graz, Doktorat (PhD), University of Auckland (Neuseeland), Postdoktorat, ETH Zürich (Schweiz)
Auszeichnung: Marie-Curie Fellow der Europäischen Kommission
Expertise: Hydrologische Naturgefahren, Hochwasserschutz, Schwemmholz
Ziel: Wasser am Berg halten, Grundwasserneubildung fördern, Naturgefahren reduzieren
DI Gabriel Spreitzer, PhD, unterstützt mit seinem Ingenieurbüro für Kulturtechnik und Wasserwirtschaft Waldbesitzer, Gemeinden, Betreiber und Entscheidungsträger dabei, Wälder und Gewässer wasserwirtschaftlich klimafit zu machen.

Kontakt:
Tel.: 0681/81131664
E-Mail: office@ib-spreitzer.at
www.ib-spreitzer.at

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