Der einhellige Tenor aller Vortragenden lautete: Die Jagd ist vom gesellschaftlichen Wandel immer mitbetroffen und kann nicht stagnieren wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Im Gegenteil: Angesichts der aktuellen Herausforderungen ist das Wissen und die Kompetenz der Jagd in Bezug auf die Wildlebensräume unverzichtbar.
Der Jäger als Naturraummanager
Gleich zu Beginn hat Roman Leitner, Präsident von Jagd Österreich eindrucksvoll darauf hingewiesen, dass es aufgrund des schwindenden Lebensraumes eine Allianz aller primärer Landbewirtschafter braucht, um Räume zu definieren, in denen Wildtiere ganzjährige Rückzugsräume finden – das ist und wird eine große Aufgabe für die Jägerschaft sein. Die Jagd muss sich aufgrund ihrer Naturkompetenz als Naturraummanager viel mehr in den Vordergrund bringen.
Artenrückgang beim Niederwild
Dringende Betätigungsfelder zeigte auch Klaus Hackländer angesichts des besorgniserregenden Artenrückganges auf: Besonders im Bereich des Niederwildes, wo sich der zahlenmäßig schon geschwächte Bestand mit eingeschränktem Nahrungsangebot, schwindenden Lebensräumen und auch noch mit dem zunehmenden Druck der Beutegreifer auf den verbleibenden Flächen zurechtkommen muß – auch hier ist die Jagd mit ihrer Kompetenz für Lebensräume gefordert. Gleichzeitig muss es die Jagd besser schaffen, der Allgemeinheit ihr Tun, das gelebten Artenschutz bedeutet, in wenigen Sätzen zu erklären. Die Natur ist komplex, dafür muss die nichtjagende Gesellschaft sensibilisiert werden, um nicht auf einfache Erklärungen hereinzufallen.
Herausforderung Klimawandel
Marc Olefs versuchte in seinem Vortrag dringenden Handlungsbedarf aufzuzeigen, ohne angesichts der großen Aufgaben in Resignation zu verfallen: Der Mensch, der zum Klimamacher geworden ist und dieser Erde schon einen ganz starken Stempel aufgedrückt hat, darf nicht resignieren und in die „Jetzt ist eh schon alles egal“-Stimmung verfallen. Es ist nie zu spät, jede Senkung der Emissionen macht einen Unterschied, denn das Ausmaß dieser Klimarisiken kann durch menschliches Handeln massiv reduziert werden.
Raumplanung und Wildlebensräume
Die Wirkung der Raumplanung auf unsere Wildlebensräume zeigte Gernot Stöglehner auf: Die räumliche Entwicklungsdynamik seit 1990 mit 1 Mio. neuer Wohnungen, dem Sprung von 3 Mio. PKWs auf 5 Mio PKWs, die Tatsache, dass Österreich die Höchste m2-Verkaufsfläche pro Kopf in ganz Europa aufweist, all das zeigt den noch immer steigenden Flächenanspruch des Menschen. Dabei geht die Entwicklung über den „Dognut-Effekt“ aus den Zentren der Gemeinden hinaus an die Peripherie in den sogenannten Speckgürtel.
Jägerinnen und Jäger müssen sich hier als Akteure in Planungsprozesse einbringen und als Advokat für das Wild eintreten: Über das Einbringen von lokalem Wissen bezüglich der Wildlebensräume, das Einfordern von Grünland-Vorrangflächen in Regionalprogrammen und örtlichen Entwicklungskonzepten von Siedlungsgrenzen und Innenentwicklungsprozessen kann die Jagd hier wertvolle Flächen bewahren oder zurückgewinnen.
Weidgerechtigkeit als Verpflichtung
Andere Aspekte beleuchtete Freydis Burgstaller-Gradenegger: Weidgerechtigkeit als Verpflichtung für die Jägerschaft, die immer vor dem Hintergrund des jeweiligen Zeitgeistes zu sehen ist. Gleichzeitig erschweren die Vielschichtigkeit und die Wandelbarkeit die Definition des Begriffes. Es stellt sich die Frage, ob der Begriff der Weidgerechtigkeit ausreichend verankert ist oder ob es hier mehr braucht.
Mikroraumplanung auf Revierebene
Einen Blick auf die Notwendigkeit eines Wandels im Handeln eröffnete Johann Bleimauer: Vor dem Hintergrund einer um die Wettbewerbsfähigkeit ringenden Landwirtschaft entstehen ausgeräumte Landschaften. Erhöhtes Verkehrsaufkommen stört die Wanderungen vieler Arten und führt zu Verlusten. Die Fragmentierung der Landschaft führt zur Verinselung von Populationen. Die verbleibenden Rest-Lebensräume stehen zusätzlich zu all den aufgezählten Faktoren unter Druck durch Prädation und Beunruhigung. Dem versucht er mit Mikroraumplanung auf Revierebene entgegenzuwirken. Neue Prioritätensetzung, die Konzentration auf Kern-Lebensraumzonen, in welchen die konsequente Raubwildbejagung und die Vermeidung von Beunruhigung als unverzichtbare Faktoren in einer Niederwildhege NEU stattfinden müssen.
Jagd und Infrastruktur
Bezirksjägermeister Hannes Fraiss beschäftigte sich mit der Beeinflussung der Wildlebensräume durch menschliche Infrastrukturprojekte wie Straßenbau und Schiene, Windkraft, Tourismus Schiprojekte und den Sommertourismus und den Störreaktionen der unterschiedlichen Wildarten. Besonders beleuchtete er die Auswirkungen der Windkraft auf Raufußhühner-Lebensräume, wo großteils fehlende Daten die wahren Auswirkungen verwässern.
Jagdliche Aus- und Weiterbildung
Die Notwendigkeit des Wandels im Bereich der Aus- und Weiterbildung der Jägerinnen und Jäger zeigte sich deutlich im Vortrag des leider erkrankten Roman Bunyaj: Diese Kernaufgabe der Landesjagdverbände braucht eine Qualitätssicherung und eine zeitgemäße Aufbereitung. Attraktive Weiterbildungsveranstaltungen bringen Zeitgeist in die jagdliche Weiterbildung!
Jagd im gesellschaftlichen Wandel
Mit einer Entwicklung, die der gesellschaftliche Wandel mit sich gebracht hat beschäftigte sich Christine Fischer. Die Digital Age Gap ist dadurch bedingt, dass nur 15 % der Jägerinnen und Jäger als Digital Natives bezeichnet werden können, das heißt, von klein auf mit den modernen Medien vertraut sind. 85 % der Jägerschaft sind sogenannte Digital Immigrants sind. Dieser Umstand gibt einer kleine Gruppe einen großen Einfluss auf die Darstellung der Jagd in den sozialen Netzwerken. Die ungebremste Flut von Erlegerfotos verstärkt ein völlig falsches Bild der Jagd; ein sensibler Umgang mit jagdlichen Inhalten im Netz ist dringend notwendig. Anhand der Initiative des DJV zeigte sie auf, wie vielschichtig diesem Problem begegnet werden muss und wie weit voraus auf diesem Weg NGO`s bereits sind. Die Referentin ortete aber auch Chancen für die Jagd auf diesem Gebiet: Jagd richtig erzählt mit glaubwürdigen und bildgewaltigen Geschichten kann zeigen, dass wir Jäger hochaktuell sind in dem, was wir tun: Biodiversität, Naturschutz, Produktion eines hochwertigen Lebensmittels – all das gilt es gezielt in den Mittelpunkt zu rücken.
Zusammenfassung und Ausblick
Viele und vielschichtige Herausforderungen fordern von uns einen ständigen Wandel, ohne unsere Identität aufzugeben. Für eine enkelfitte Zukunft lohnt es sich, diesen Wandel voranzutreiben. Unsere Jagd, wie wir sie leben, ist nicht von gestern. Treiben wir den notwendigen Wandel voran, damit wir auch morgen noch das leben können, was uns Freude bereitet!
Ein Bericht über die Jägertagung 2020 von Landesjägermeister Franz Mayr-Melnhof-Saurau


