“Keine Experimente bei der Waldarbeit!”

Artikel aus Ausgabe 4/2020

Dipl.-Ing. Johannes Kröpfl ist Sicherheitsbeauftragter bei der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS), ein Experte, der auf mehr als 20 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann. Die Unfallvermeidung bei der Waldarbeit ist ihm ein besonderes Anliegen. Vor allem die Laubbaumfällung birgt spezielle Risiken.

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Ausgabe: 4/2020
Thema: Arbeitssicherheit
Bundesland: Österreich
Autor:in: Waldverband Österreich

Waldarbeit ist eine der gefährlichsten Tätigkeiten im Hinblick auf Arbeitsunfälle. Wann beginnt Arbeitssicherheit bei der Nutzung?

Kröpfl Arbeitssicherheit beginnt lange bevor die Motorsäge im Wald gestartet wird. Die Verhütung von Arbeitsunfällen bei der Waldarbeit ruht auf mehreren Säulen. Dazu zählen die konsequente Verwendung der kompletten persönlichen Schutzausrüstung, Werkzeuge und Maschinen, die einwandfrei funktionieren und bestens instand gesetzt sind, sowie eine Ausbildung, die, neben der sicheren Fäll- und Schneidetechnik, besonderes Augenmerk auf das Erkennen von Gefahrensituationen und deren sichere Bewältigung legt. Zum Schutz der Waldbesucher dient die gesetzlich entsprechende Absicherung des Einsatzortes.

Welche besonderen Gefahrensituationen gilt es speziell bei der Nutzung von Laubholzbäumen zu beachten?

Kröpfl Das beginnt mit der richtigen Einschätzung der Schwerpunktlage des Baumes. Dies ist die Voraussetzung für die Auswahl einer sicheren Fälltechnik. Besonders schwierig wird es, wenn die Kronen nicht einsehbar oder asymmetrisch ausgebildet sind. Zu beachten ist die Auswirkung des Windes. Die zum Teil mächtigen Kronen bieten eine große Angriffsfläche und können den Zeitpunkt des Fallens bzw. die Fallrichtung wesentlich beeinflussen. Laubbäume weisen zudem mehr Totäste auf, die durch Vibrationen beim Schneiden oder Keilen herabfallen können.

Eine besondere Gefahr stellt das Aufreißen der Stämme bei der Fällung von Laubbäumen dar. Wie kann man dem entgegenwirken?

Kröpfl Das Aufreißen passiert vor allem bei den sogenannten Vorhängern. Das sind Stämme, die aufgrund ihres Schwerpunktes ohnehin schon in die beabsichtigte Fällrichtung geneigt sind. Um eine Unfallgefahr für den Motorsägenführer durch plötzliches Aufspalten zu verhindern, wird nach der Anlage des Fallkerbes der Fällschnitt nicht über den ganzen Stammquerschnitt ausgeführt, sondern an der Zugseite eine Halteleiste belassen. Diese wird abschließend im rechten Winkel zur Stammachse durchtrennt. Bei wertvollen Stämmen wird zusätzlich eine Stammpresse angelegt.

Bei der Aufarbeitung kranker Eschen gab es in den letzten Jahren eine Häufung von Unfällen. Gibt es eine sichere Fällmethode?

Kröpfl Die Gefahr sind herabstürzende Baumteile während des Keilens, genauso wie abgestorbene Wurzeln und ineinander verwachsene Kronen, die beim Fallen die Nachbarbäume mitreißen. Es gilt daher, vor dem Zufallbringen der Stämme einen sicheren Platz aufzusuchen. Dies gelingt mittels seilunterstützter Fällung. Dazu werden ein ausreichend dimensionierter Traktor mit Seilwinde und spezielles Equipment benötigt. Damit kann das Zugseil vom Boden aus sicher in mehreren Metern Höhe am Baum angelegt werden. Außerdem erfordert diese Fälltechnik eine eigene Schnittführung (siehe Grafik).

Ist die Unfallgefahr vorbei, wenn der Baum sicher zu Fall gebracht worden ist oder sind weitere Punkte zu beachten?

Kröpfl Äste, die durch Laub verdeckt sind, stellen zusätzlich eine Rutsch- und Sturzgefahr dar. Großkronige Bäume drücken kleinere Nachbarn um, die dann unter extremer Spannung stehen, genauso wie die Äste des gefällten Stammes. Auch hier gilt es, eine sichere Schneidetechnik anzuwenden. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte V-Schnitt. Unsere Hauptlaubbaumarten sind schwerer als Nadelhölzer. Beim Einsatz von Traktor und Seilwinde oder Krananhänger ist daher auf ausreichende Dimensionierung der eingesetzten Maschinen und Geräte zu achten.

Welche Rolle spielt die Aus- und Weiterbildung der in der Waldarbeit eingesetzten Personen im Hinblick auf Unfallverhütung?

Kröpfl Sie spielt eine zentrale Rolle! Bei jeder Aus- und Weiterbildung wird auf Unfallverhütung größter Wert gelegt. Je besser jemand über mögliche Gefahren Bescheid weiß, umso eher können diese erkannt, die entsprechenden Maßnahmen gesetzt und somit Unfälle verhindert werden. Die land- und forstwirtschaftlichen Schulen, sowie die forstlichen Ausbildungsstätten, Kammern, Sozialversicherungsträger und Waldverbände leisten hervorragende Beratungs- und Lehrtätigkeit. Diese Angebote sollen auch genutzt werden, um auf dem neuesten Stand einer sicheren Arbeitstechnik bei der Waldarbeit zu sein.

Gibt es noch einen abschließenden Tipp um Unfälle bei der Waldarbeit zu verhindern?

Kröpfl Grundsätzlich gilt: Keine Experimente bei der Waldarbeit. Den „Standardbaum“, speziell im Laubholz, gibt es nicht. Jeder einzelne Stamm muss vor der Fällung gesondert beurteilt werden. Daraus ergibt sich die Wahl des fachlich geeigneten und sicheren Arbeitsverfahrens. Im Zweifelsfall ist es jedenfalls ratsam, einen Forstprofi zu Hilfe zu holen.

Herr Dipl-Ing. Kröpfl, vielen Dank für das Gespräch!

Die SVS bietet soziale Sicherheit aus einer Hand. Sie ist Ansprechpartner für alle Selbständigen in Österreich in allen sozialversicherungsrechtlichen Belangen, wie Pension, Mutterschaft, Krankheit oder Unfall. Prävention und Unfallverhütung sind dabei ein zentrales Element. Alle Informationen finden Sie unter svs.at.

Mit dem „Haltleistenschnitt“ wird das Aufspalten des Stammes verhindert. Die Zugleiste wird unter dem Fällschnitt durchtrennt.

V-Schnitt: Gelb – zwei V-förmig zueinander angeordnete Fallkerbe. Die Spitze zeigt in die Fällrichtung. Rot – Fällschnitt wird von der Zugseite her ausgeführt. Baum fällt über die verbleibende dreieckige Bruchleiste.

Bei Vorhängern ist der V-Schnitt eine einfache und sichere Fälltechnik.

Seilunterstützte Fällung: Bei der „Königsbronner Methode“ wird das Seil mittels Teleskopstange möglichst hoch am Stamm befestigt.

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