Plötzlich Bäuerin, plötzlich Bauer

Artikel aus Ausgabe 4/2020

Die Lebenswege in der Land- und Forstwirtschaft zeichnen sich vielfach traditionell ab. Eltern übergeben an die Kinder, Enkel bewirtschaften das, was Großeltern geschaffen haben. Bäuerin und Bauer wachsen meist viele Jahre durch Arbeit, Ablauf und Erleben in diese Aufgabe und Verantwortung hinein.

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Ausgabe: 4/2020
Thema: Persönliches, Reportage
Bundesland: Steiermark
Autor:in: Maximilian Handlos

Aber was, wenn dem nicht so ist? Wenn ein nicht vorhersehbares Ereignis eine schnelle Entscheidung notwendig macht und dem Sprung in einen eiskalten Gebirgssee gleicht. „Als mein Onkel freiwillig aus dem Leben schied, haben wir es halt ganz einfach getan. Ohne viel Nachdenken, ohne lange zu überlegen. Eben all das, was getan werden musste, damit der Betrieb weiterläuft!“ so Christian Harrer. Er und seine Frau waren damals anfang zwanzig. Jeder hatte seinen Beruf und nichts ließ sie erahnen, was so bald kommen würde. Aber Urvertrauen, Mut, Ehrgeiz und eine besondere Liebe für das Tun ermöglichte es, diesen Weg anzunehmen und ihn mit Erfolg zu gehen.

Stolz und Anerkennung

Dass das familiäre und nachbarschaftliche Umfeld in herausfordernden Lebenssituationen für uns alle besonders wichtig ist, wissen und erleben wir täglich. Eine besonders gut gelebte Praxis zeigt uns Familie Harrer. Beachtlich ist vor allem, wie sehr sich Familien und Nachbarn in dieser herausfordernden Situation eingebracht haben und nach wie vor einbringen. Das nicht nur mit Rat und Tat, sondern auch mit viel Muskelkraft. Plötzlich Bäuerin und Bauer, das gleicht einer wunderbaren Fügung, bedeutet aber auch eine besonders große Herausforderung. Insbesondere dann, wenn beide zwar in der Kindheit und Jugend durch das Aufwachsen im Ländlichen Raum Land- und Forstwirtschaft wahrnehmen, allerdings nicht direkt damit konfrontiert wurden. Das weder in der Ausbildung, noch beruflich und in der Freizeit. Zwar hat Christian schon in den letzten Jahren am Betrieb immer wieder mitgearbeitet und sein Onkel hat ihm auch das Grundwissen und die Basisfähigkeiten für die Arbeiten in der Land- und Forstwirtschaft mitgegeben. Doch schließlich ging es dann ganz schnell. Vielleicht auch ungewöhnlich, meinen die Harrers unisono, dass Neid weder durch die Familie noch von den Nachbarn spürbar wahrgenommen wird. Eher das Gegenteil, Anerkennung und Bewunderung für das bereits Geschaffene, wird vermittelt.

Freiheit mit Verantwortung

Die Freiheit, alleine am Hof schalten und walten zu können, genießt Familie Harrer besonders. Beiden wurde allerdings auch ein solides Wertesystem in die Wiege gelegt, sodass dieser Freiraum durch den eigenen Anspruch Arbeit und große Verantwortung mit sich bringt. Das Hineinwachsen bringt viele Fragen mit sich, die selber nicht immer zu beantworten sind. Christian betont, dass Rat von außen total wichtig war und noch immer ist. Der heutige Bauer absolvierte nach der Betriebsübernahme die Ausbildung zum Landwirtschaftlichen Facharbeiter. Ein Pilotprojekt in Weiz ermöglichte es, diese Qualifikation berufsbegleitend zu absolvieren. Sich weiteres Wissen anzueignen, stellt sich für Nebenerwerbslandwirte oftmals ganz schön schwierig dar. Viele Veranstaltungen sind als Tages-seminare organisiert und für jemanden mit abwechselnder Früh- und Nachmittagsschicht braucht es für die Teilnahme immer Urlaub. „Wochenendkurse sind vorhanden, fehlen aber in der näheren Umgebung“, merken Christine und Christian an. Onlinekurse bieten oft Allgemeines und Spezialwissen wird dabei gar nicht thematisiert. „Und obwohl wir uns sicherlich sehr gut in der digitalen Welt zu recht finden, ist es auch für uns herausfordernd, fündig zu werden!“ stellen die Harrers fest. Am ehesten ermöglichen Foren, wo viele User über Themen diskutieren, Antworten zu bekommen.

Rund um den Betrieb

Ein großer Vorteil bei der Betriebsübernahme war, dass das Verhältnis Betriebsgröße zu Bewirtschaftungszweige und Maschinenausstattung gut zusammenpasste. Somit erforderte es kaum Investitionen, um den Bauernhof entsprechend der heutigen Erfordernissen und der Vorstellung der Besitzer führen zu können. Lediglich der Ankauf eines Güllefasses war notwendig und Familie Harrer konnte sich dadurch auf die Renovierung des Wohnhauses konzentrieren. Ein gut bestockter Wald leistete hier gute Unterstützung, um die Finanzierung bewerkstelligen zu können. Der landwirtschaftliche Hauptbetriebszweig mit Mutterkuhhaltung auf Biobasis, Styria Beef und der Direktvermarktung von Frischfleischpaketen sorgt für ein Grundeinkommen um Versicherungen und Lebenshaltungskosten decken zu können. Fleischrinderrassen werden nicht nur wegen der Fleischvermarktung eingekreuzt, sondern auch für die Vielfalt „Eine buntgemischte Herde gefällt mir besonders gut!“ meint Bauer Christian.

Vorausschauend planen

Als Mitglied bei der WWG Almenland genießt die Familie die Betreuung durch Waldhelfer Rudi Klammler. Die Zusammenarbeit mit dem Waldverband funktioniert vorbildlich und Klammler organisiert Holzernte, Holzabfuhr und Holzverkauf. Durch eine langfristige Planung mit dem Waldverband sind Wartezeiten bei der Holzabfuhr die Ausnahme. Gezielt schauen die Harrers beim Verkauf des Holzes auf Bedarf von regionalen Abnehmern. Harvesternutzungen am Heimbetrieb und bei der Eigennutzungsfläche in der Agrargemeinschaft in den letzten Jahren sorgen für Auflichtung und dem Entstehen von Naturverjüngung. Vor allem Tannen entwickeln sich prächtig. Waldbauer Christian verfolgt aktuell keinen gezielten Umbau der Baumartenzusammensetzung. Tannen haben auf jeden Fall Zukunft und durch die relativ kleine Fläche am Standort daheim, die von beiden Seiten mit Grünland begrenzt ist, schadet das Wild kaum der Entwicklung der jungen Baumbestände.

Lebensphilosophie

Diese Momente, aus dem Haus zu gehen und das Wissen zu inhalieren, du gehst über deinen eigenen Grund und Boden, beschreiben Christine und Christian als besonderes Lebensgefühl. „Unser Hobby ist unsere Wirtschaft“ meint die Bäuerin „und wir machen es gerne und mit viel Liebe!“ Bei beiden breitet sich spürbar eine Zufriedenheit aus, wenn sie den Luxus eines naturnahen Lebens beschreiben. Wo keine unmittelbaren Nachbarn stören, wo sich Naturraum, Ruhe und Idylle vor der Haustüre ausbreiten. Tochter Eva erlebt ein wunderbares Aufwachsen in diesem ländlichen Raum und wenn beide mal freihaben, genießen sie gemeinsam ihre Heimat. Aber neue Projekte bleiben nicht aus. Im Haus gibt es noch durchzuführende Renovierungsarbeiten zu erledigen und Überlegungen, den Betrieb weiter zu entwickeln, begleiten Christine und Christian immer wieder. Getreu ihrem Motto: „Offen für Neues sein, Herausforderungen annehmen und mit großem Vertrauen in sich selbst es einfach zu tun!“

Fakten & Details

Familie
Christine und Christian Harrer, vlg. Grill
Tochter Eva, 1,5 Jahre alt
Tulwitzviertel 42
8163 Fladnitz an der Teichalm

Christine arbeitet als Physiklaborantin bei Joanneum Research und ist derzeit in Karenz.
Christian absolvierte berufsbegleitend die Ausbildung zum Landwirtschaftlichen Facharbeiter und arbeitet hauptberuflich als Maschinenbautechniker bei Andritz.

Betrieb
15 ha Landwirtschaft mit Grünland
3 ha Wald
5,5 ha Nutzungsrechte als Mitglied bei der Agrargemeinschaft Sulberg
730 Meter Seehöhe
Mutterkuhherde mit 18 Kühen und dem Nachwuchs

Maschinenausstattung für den Forst
73 PS Lindner Geotrack
8 Tonnen Funkseilwinde
Motorsägen

Mit positivem Blick die Herausforderungen der Zukunft meistern.

Mitten im Almenland, idyllisch am Fuße des Rechbergs gelegen, liegt der Betrieb Harrer.

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